Personal

Spiegelbild von Krise und Aufschwung: Zeitarbeit

Die Finanzkrise trifft die gesamte Wirtschaft. Doch kaum eine Branche hat in diesem Jahr solche Höhen und Tiefen erlebt wie die Zeitarbeit. „Es gab ein ordentliches Auf und Ab“, fasst der Sprecher des Bundesverbands Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA), Michael Wehran, die Entwicklung 2009 zusammen.

„Im Mai gab es nur 517.000 Zeitarbeiter, im August 2008 waren es noch rund 800.000." Seitdem gehe es wieder bergauf.

Rund 1,4 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland sind Zeitarbeiter. Kein anderer Wirtschaftszweig reagiert so sensibel auf Konjunkturschwankungen. Durch die Neuregelungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes bis zum 01.01.2004 und der damit einhergehenden Liberalisierung der Leiharbeit profitierte die Branche vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre. Doch die Wirtschafts- und Finanzkrise kostete rund 200.000 Zeitarbeitern den Arbeitsplatz. Vor allem in exportabhängigen Branchen wie der Automobilindustrie wurden viele Leiharbeiter entlassen. „Die Automobilbranche war praktisch tot,“ sagt Michael Wehran. „Auch in den Sparten Stahl, Metall und Elektro ging die Nachfrage stark zurück.“ Vor allem ungelernte Arbeitskräfte habe es stark getroffen. Sie machen einen bedeutenden Anteil der Zeitarbeiter aus und zählen – aufgrund mangelnder Qualifikationen – häufig zu den ersten, die wieder gehen müssen. Dagegen merkten High-Potentials nur wenig von den schlechten Zeiten. „Gefragt sind vor allem kaufmännische Berufe, Akademiker und Facharbeiter. Hier ist die Zeitarbeitsbranche nur ein Spiegelbild der allgemeinen Entwicklung“, sagt Michael Wehran.

Regionale Unterschiede der Zeitarbeit sind branchenbedingt

Die Krise trifft nicht alle der rund 20.000 Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland gleichermaßen. Die regionalen Unterschiede belegt ein Vergleich der Zahlen von Oktober 2008 und 2009. In Brandenburg waren im Oktober 2009 nur 0,5 Prozent weniger Zeitarbeiter beschäftigt als im Jahr zuvor. In Baden-Württemberg sind es 37 Prozent weniger. Auch in Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen sind weniger Zeitarbeitskräfte nachgefragt worden. „Das ist wiederum ein Spiegelbild der Branchen“, erläutert Michael Wehran. „Es gibt eben mehr Automobilbau in Baden-Württemberg, während in Berlin oder Brandenburg mehr Dienstleistungskräfte gefragt waren. Diese blieben annähernd konstant."

Sonderprogramme für Zeitarbeiter kaum genutzt

Auf den Konjunktureinbruch haben viele Zeitarbeitsunternehmen mit Entlassungen reagiert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte in einer im Juli 2009 publizierten Studie bemängelt, dass andere Möglichkeiten wie Kurzarbeit und Qualifizierungsmaßnahmen, die auch für Zeitarbeiter zur Verfügung standen, von den Unternehmen nur spärlich genutzt würden. „Seit November 2008 ist es auch Zeitarbeitsfirmen möglich, Kurzarbeit zu beantragen“, sagt der Arbeitsmarktexperte des DGB, Johannes Jakob. „Seit Februar 2009 ist das auch gesetzlich festgeschrieben: Leiharbeitern wird Kurzarbeitergeld unter den gleichen Bedingungen gewährt, die auch für alle anderen Arbeitnehmer gelten.“ Die BZA sieht das anders. „Es gab natürlich Stellenabbau. Das ist im Wesen der Zeitarbeit enthalten", bestätigt Wehran. „Wir hatten allerdings einen zweigeteilten Zeitarbeitsmarkt. In stabilen Branchen blieben die Mitarbeiter, in anderen wurden Stellen gestrichen.“ Dabei habe es nicht nur Kündigungen gegeben: Es wurden auch Arbeitszeitkonten abgebaut oder befristete Verträge nicht verlängert. Außerdem habe sich die Kurzarbeit hervorragend entwickelt. „Es gibt dieses Instrument noch nicht lange, deshalb wussten wir auch nicht, wie die Unternehmer das annehmen würden. Seit März wurden etwa 5,5 Prozent der Arbeitnehmer in Kurzarbeit versetzt. Das ist aus unserer Sicht positiv zu bewerten. So wurden rund 30.000 Jobs gerettet“, sagt Michael Wehran.

Vor allem die Sonderprogramme für Zeitarbeiter würden zu wenig genutzt, kritisiert der DGB: „Wenn das Unternehmen einen bereits entlassenen Leiharbeiter wieder einstellt und qualifiziert, bezahlt die Arbeitsagentur die Fortbildung und das Gehalt für diesen Zeitraum“, erläutert Jakob. Für das Programm standen allein für 2009 etwa 200 Millionen Euro zur Verfügung. Bisher (Stand Dezember 2009) sind erst 80.000 Euro dieser Fördermittel beantragt worden. Zu wenig, findet Jakob. Die Arbeitsagentur geht davon aus, dass diese Maßnahmen für Zeitarbeitsunternehmen nicht attraktiv genug sind, da zurzeit genügend bereits qualifizierte Fachkräfte auf dem Markt zu finden sind.

Qualifizierung als Maßnahme der Zeitarbeit

Laut BZA ist Qualifizierung ein Hauptstandbein der Zeitarbeitsunternehmen. Sie vermitteln nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Know-How und Fähigkeiten. „Während der Kurzarbeit wird die Zeit deshalb auch genutzt, um die Leute weiterzuqualifizieren“, sagt Michael Wehran. Das bestätigt auch eine Lünendonk-Studie von Juli 2009 – zumindest wenn es um hochqualifiziertes Personal geht. Hier seien aufgrund des Fachkräftemangels Weiterbildungen fast selbstverständlich.

Weniger üblich seien Qualifizierungsmaßnahmen bei Hilfskräften. Laut der Studie haben aber viele Zeitarbeitsfirmen erkannt, dass mit der Fortbildung auch die Vermittelbarkeit eines Leiharbeiters steigt. Ebenso wird qualifiziertes Personal länger und öfter an Kundenunternehmen vermittelt.

Mehr Zeitarbeiter in 2010

Der Arbeitsmarkt-Experte des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Johannes Jakob, prognostiziert für 2010 einen leichten Anstieg bei den Zeitarbeitskräften. Vor allem in den Wachstumsbranchen Gesundheitswesen und Energie, aber auch im Dienstleistungssektor sieht er einen positiven Trend. Die Nachfrage im produzierenden Gewerbe sei allerdings schwach: „Das wird sich auch 2010 nicht ändern“, so Jakobs Einschätzung.

Allerdings liegt in jeder Krise auch eine Chance: „Viele Firmen erkennen das Instrument der Zeitarbeit erst jetzt,“ sagt Michael Wehran. „Denn die Krise schärft den Blick dafür, flexibel zu sein.“ Die Flexibilität eines Unternehmens sei in Zukunft ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Auch die Unternehmensberatung Lünendonk erwartet in ihrer Branchenstudie vom September 2009 eine boomende Nachfrage für die Zeit nach der Wirtschaftskrise. „Die Firmen nehmen, weil sie keine Planungssicherheit haben, Leiharbeiter, bevor wieder Arbeitnehmer fest angestellt werden“, erklärt Wehran. An einigen Stellen zeigt sich das schon jetzt: BMW verkündete im November, dass sie wieder Leiharbeiter einstellen, auch die Industrie fragt wieder verstärkt Zeitarbeitskräfte nach. Und Branchenriesen wie Randstad und Adecco erkennen eine Belebung der Nachfrage.


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