Crowdsourcing

Open Innovation: Wer an fremde Ideen heran will, muss sich in die Karten gucken lassen

Die Idee hinter Open Innovation ist mindestens 300 Jahre alt. Doch erst das Web 2.0 verbindet Unternehmen auf der Suche nach neuen Ideen, mit Usern, die bereit sind, ihre Kreativität einzusetzen.

Manche Menschen helfen aus Spaß am Tüfteln, andere sind nur mit Geld und weiteren Anreizen zu locken.

„Wer findet eine praktische und nützliche, Methode den geographischen Längengrad zu bestimmen?“. Das fragte das britische Parlament vor knapp 300 Jahren in seinem „Longitude Act“. Um den Breitengrad zu berechnen, konnten sich Seefahrer an den Sternen orientieren. Jedoch gab es bis ins 18. Jahrhundert hinein keine Methode, um auf See die geographische Länge zu bestimmen. Navigieren war eine Glückssache: Tausende Seeleute starben und hunderte Schiffe versanken auf dem Meeresgrund, weil die Mannschaft sich verfahren hatten. Keine Geistesgröße hatte zuvor das Problem lösen können: Weder Isaac Newton noch Galileo Galilei. Erst als das britische Parlament zu einem offenen Innovationswettbewerb aufrief und 20.000 Pfund Belohnung ausschrieb - heute entspräche das mehreren Millionen Euro -, konnte das Problem gelöst werden: Der unbekannte schottische Uhrmacher John Harrison erfand einen präzisen und zuverlässigen Schiffs-Chronometer.

Ganz ohne Parlament zu Open Innovation

Auch wenn es 1714 noch keiner so nannte, sind im Longitude-Act alle Zutaten für das sogenannte Open Innovation vorhanden: Ein Problem, das intern nicht gelöst werden kann, ein Aufruf an ein großes Netzwerk, ein Anreiz und zum Schluss die unkomplizierte Lösung des Problems. Heute braucht es allerdings kein ganzes Parlament mehr, um einen allgemeinen Innovations-Aufruf zu starten. Jedes Unternehmen kann von Open Innovation profitieren. Es braucht lediglich das Internet und die Bereitschaft, in Forschung und Entwicklung auch Außenstehende einzubeziehen.

Forschung und Entwicklung ins Internet verlegen

Doch alles der Reihe nach. Den Begriff „Open Innovation“, hat der amerikanische Professor Henry W. Chesbrough in seinem Artikel „The Era of Open Innovation“ (2003) geprägt. Er beschreibt darin den Gegensatz zwischen geschlossenen und offenen Innovationsprozessen. Geschlossen heißt, dass Erfindungen und andere Neuerungen ausschließlich in der firmeneigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung entstehen. Produkte, die dort entwickelt werden, bleiben bis zur Marktreife geheim. Das Wissen, das hier entstand und gesammelt wurde, war für viele Unternehmen im 20. Jahrhundert das größte Kapital. Doch der geschlossene Weg hat auch Nachteile: Die Entwicklungen sind oft langwierig, der Erfolg entspricht nicht immer den Erwartungen und bei Problemen müssen die hauseigenen Forscher allein die Lösung finden.

Anders bei Open Innovation: Unternehmen beziehen hier auch Kunden, Zulieferer, Universitäten und Wettbewerber in den Innovationsprozess ein. Die verschiedenen Akteure werden über einen offenen Aufruf gebeten, an einer Entwicklungsaufgabe mitzuwirken. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit den Kunden ist dabei wichtig. „Ihre enge Integration hat sich für viele Unternehmen als ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Innovationsmanagement erwiesen“, schreiben Ralf Reichwald und Frank Piller in ihrem Buch „Interaktive Wertschöpfung“.

Möglich ist Open Innovation ähnlich wie Crowdsourcing erst durch das Internet und speziell das Web 2.0: Millionen Menschen können miteinander kommunizieren. Es gibt virtuelle Ideenplattformen wie InnoCentive, yet2.com oder NineSigma, die das Zusammenspiel von Unternehmen mit Innovationsanfrage und Usern mit den passenden Lösungen erheblich erleichtern und beschleunigen.

Der Mittelstand hinkt hinterher

Bei vielen großen Unternehmen gehört das schon zum Alltag: Computerhersteller Dell, Kaffee-Riese Starbucks und Autobauer BMW nutzen Open Innovation, um frische Ideen zu sammeln und diese dann in profitable Produkte zu verwandeln. Sie haben eigene Plattformen entwickelt (Idea Storm, MyStarbucksIdea, Virtuelle Innovations Agentur), um mit der Internetgemeinde nach starken Einfällen, Einsparpotenzialen in der Produktion oder Lösungen für komplizierte Probleme zu suchen. Sie können so auf einen riesigen Wissenspool zugreifen.

Einer Studie zufolge beurteilen rund 82 Prozent der deutschen IT-Experten offene Innovationsstrukturen als sehr wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Im Mittelstand ist diese Botschaft noch nicht angekommen. Deutsche Firmen hinken im internationalen Vergleich hinterher, sie sind nicht offen für Open Innovation. Das könnte sich zu einem bedeutenden Nachteil entwickeln. Denn: „Die Einstiegsschwellen für Mitbewerber werden geringer, da neue Geschäftsmodelle mit wenig Infrastruktur und vergleichsweise geringen Investitionen aufgebaut werden können“, so die Studie „Zukunft der deutschen Informations- und Kommunikationstechnologie“ von 2010. „Firmen sehen sich daher einem rasant steigenden Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Damit geht einher, dass sich Technologien immer schneller wandeln und die Lebenszyklen von Produkten immer kürzer werden.“

Toolkits, Wettbewerbe und Communities – Wege zur Innovation

Das heißt, es müssen schneller neue Ideen her, die weniger kosten und eine höhere Marktakzeptanz haben. Was liegt da näher, als die eigenen Kunden um Rat zu fragen? Immerhin sind sie es, die mit den Produkten arbeiten und leben und im täglichen Gebrauch merken, woran es mangelt. Einige Kunden sind besonders geeignet, Unternehmen bei der Verbesserung und Erfindung von Produkten zu unterstützen, die sogenannten Lead-User. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich intensiv mit einem bestimmten Produkt auseinandersetzen, Mängel erkennen und teilweise selbst Wege finden, die Produktschwäche zu beseitigen. Oft gehören sie auch zu den Meinungsführern, andere Menschen hören auf ihren Rat und ihre Empfehlung. Wer seine Lead-User kennt, ist schon einen bedeutenden Schritt weiter. Unternehmen können deren Wissen und Engagement nutzen und sie unmittelbar in den Entwicklungsprozess einbeziehen, etwa über Workshops.

Ein anderer Weg ist es, sogenannte Toolkits bereitzustellen. Die Online-Gemeinschaft kann mit vorgegebenen Materialien und Instrumenten selbst ein Produkt entwickeln. So setzt die Open Innovation-Plattform unserAller „Selbermachpäckchen“ gefüllt mit Quark, Nüssen und Lebensmittelfarbe ein. Damit soll ihre Community einen Frühstücksriegel entwickeln.

Auch Wettbewerbe ziehen qualifizierte Kunden an. Auf der Open Innovation Plattform InnoCentive wenden sich Unternehmen und Organisationen mit komplizierten Fragestellungen an die Internetgemeinde, um Antworten auf bisher nicht gelöste Probleme zu finden. Hier können die Rätselknacker auch viel Geld verdienen. Zwischen 10.000 und 1.000.000 Dollar zahlen die Unternehmen an die Gewinner, die es schaffen ein bestimmtes Computerspiel zu entwickeln oder die Wege finden, Genome schneller zu entschlüsseln. Bei diesen Aufgaben ist oft Fachwissen gefragt.

Kunden haben Ideen, die Unternehmen voran bringen können.

Doch nicht nur von Einzelnen, auch gemeinschaftlich lässt sich Open Innovation umsetzen. In speziellen Foren können User neue Ideen generieren und die Einfälle anderer bewerten. So nutzt beispielsweise Starbucks das Know-How seiner Kunden für neue Produktentwicklungen und die Verbesserung der Arbeitsabläufe. Die Community schlägt neue Kaffeesorten, -mischungen und Getränke vor ("Product Ideas"), rät, wie sich die Atmosphäre in den Shops verbessern lässt ("Experience Ideas") oder fachsimpelt, wo Starbucks sich für das Gemeinwohl engagieren könnte ("Involvement Ideas"). Alle Mitglieder können die abgegebenen Vorschläge bewerten. Am Ende entscheidet Starbucks, was umgesetzt wird. Mehr als 110.000 verschiedene Ideen hat die Community bereits zusammengetragen.

Nutzen aber nicht ausnutzen

Doch die User entschlüsseln nicht aus reiner Langeweile Genome oder erfinden neue Kaffee-Mischungen. Sie müssen dazu motiviert (http://www.businessvalue24.de/fleissige-koenige-ueber-die-kunst-den-kunden-zur-mitarbeit-anzuregen) werden. Das ist ein kritischer Punkt. Man tut entweder etwas, weil man im Gegenzug etwas dafür erwartet. Das ist immer der Fall, wenn es beispielsweise Prämien gibt oder eine Entlohnung stattfindet. Oder die Menschen haben einfach Freude daran, ihre Ideen in einer populären Software umgesetzt zu sehen oder an einer Entwicklung, einer Innovation beteiligt zu sein. Sobald Kunden aber das Gefühl haben, dass sie sich engagieren, ihre Beteiligung an einer anderen Stelle aber ausgenutzt wird, leidet die Motivation. Hier kommt es besonders auf offene Kommunikation, transparente Strukturen und faire Belohnungssysteme an.

Mittelstand ist innovativ, aber vorsichtig

Bei Open Innovation fangen Unternehmen an, ihre Kunden als aktive Teilnehmer im Entwicklungsprozess zu sehen und nicht mehr nur als passive Konsumenten. Doch das ist nicht der einzige Punkt, der ein völliges Umdenken erfordert, wenn Firmen ihre Innovationsprozesse öffnen wollen. Sie müssen auch bereit sein, ihr eigenes Wissen mit anderen zu teilen und offene Strukturen einrichten. Gerade das fürchten Mittelständler, da sie so leichter Opfer von Sabotage, Spionage und Hacking werden können. Hier braucht es geeignete Sicherheitssysteme und klare Zugangsregelungen. Doch nicht nur aufgrund der Gefahren von außen lassen viele mittelständische Betriebe die Finger von Open Innovation. Oft mangelt es einfach an bestimmten Fähigkeiten wie digitaler Kompetenz oder es fehlt die Bereitschaft, neue Formen der Innovation auszuprobieren.

Was nicht heißen soll, dass der Mittelstand der Entwicklung von neuen Produkten und Prozessen abgeneigt wäre. Im Gegenteil, er wird immer wichtiger für die Wirtschaft: Kleine und mittlere Unternehmen haben in Deutschland im Jahr 2010 mehr als 8,7 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert, so das Ergebnis einer Erhebung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Mehr als jeder siebte Forschungseuro im Wirtschaftssektor habe demnach der Mittelstand aufgewendet. Mittlere Unternehmen investieren sogar stärker als große Konzerne in ihre Forschungsabteilungen: KMUs haben im den vergangenen Jahr (2010) 71 Prozent mehr Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt, als im Jahr 2004. Große Unternehmen haben ihre Budgets in diesem Zeitraum nur um 19 Prozent erweitert.

Nischen finden

Mittelständische Betriebe haben aufgrund ihrer Größe durchaus Vorteile gegenüber Konzernen, wenn es um Open Innovation geht. Professor Henry W. Chesbrough beschreibt in seinem Artikel „How Smaller Companies Can Benefit from Open Innovation“, dass Innovation sich eher am Rand der Märkte als in ihrer Mitte ereignet. Hier erkennt der Forscher einen Vorteil für KMUs: Aufgrund flacherer Hierarchien können sie schneller und unkomplizierter Chancen ergreifen, die sich am Rand es Marktes bieten. Außerdem können sie sich auf Nischen konzentrieren, die für große Unternehmen (noch) nicht interessant genug sind. Sie können aber auch selbst mit Teil einer Open Innovation-Gemeinschaft werden und als Partner große Unternehmen ihrem Know-how unterstützen.

Bilder: Fotolia



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