Mobile Marketing

Mobile Commerce: nicht nur Online-Shops im Handy-Display

Serviceaspekt wird immer wichtiger iPhone und Twitter haben in kürzester Zeit unseren Alltag verändert und mobiler gemacht. Ihre Nutzer sind auch unterwegs informiert und flexibel. Aber wie können Unternehmen diese Entwicklung am besten für sich nutzen? Ist der mobile Handel, der so genannte M-Commerce, der Trend der Zukunft? Im Gespräch mit BusinessVALUE24 fordert Andreas Haderlein, Referent des Zukunftsinstituts, mehr Kreativität.

Serviceaspekt wird immer wichtiger

iPhone und Twitter haben in kürzester Zeit unseren Alltag verändert und mobiler gemacht. Ihre Nutzer sind auch unterwegs informiert und flexibel. Aber wie können Unternehmen diese Entwicklung am besten für sich nutzen? Ist der mobile Handel, der so genannte M-Commerce, der Trend der Zukunft? Im Gespräch mit BusinessVALUE24 fordert Andreas Haderlein, Referent des Zukunftsinstituts, mehr Kreativität. Viele Unternehmer würden glauben, alles sei mit einem gut gepflegten Online-Shop getan. Die Chancen des M-Commerce würden daher teilweise völlig unterschätzt.

Curtis Kimball ist vermutlich der beliebteste Bäcker der Welt. Der Amerikaner hat noch nie Werbezettel gedruckt und unterhält auch keine Internetseite. Er hat nur ein kleines Wägelchen, an dem er auf den Straßen von Los Angeles flambierte Küchlein verkauft. Curtis Kimball ist eine Ikone von Twitter. Mehr als 10.000 Menschen folgen den Einträgen des „Creme Brulee Man“ im sozialen Netzwerk. „Ich hatte nie verstanden, wozu Twitter eigentlich gut ist“, erinnerte der Straßenverkäufer sich jüngst in der “New York Times“ an die Anfänge. Jetzt reißen sich hungrige Büroangestellte um seine Kuchen. Wo er gerade entlang rollt, und was er heute so macht, erfahren Internetnutzer live auf Twitter unter http://twitter.com/cremebruleecart. Eine Werbeaktion liest sich im Twitter-Slang dann so: „Free mini creme brûlée at @missionminis on 22nd street near Capp st.“

Tausende deutscher Unternehmer sind immer noch an dem Punkt, wo sie sich fragen, wozu iPhone, Twitter und die neue App-Technik eigentlich gut sind. Viele stellen sich das Handy im Idealfall als kleines Schaufenster ihres Web-Auftritts oder ihres Online-Shops vor. Ein fataler Irrglaube, sagt Zukunftsforscher Andreas Haderlein. „Meiner Ansicht nach hatte man immer ein zu eingefahrenes Verständnis von M-Commerce.“ Die Neuen Medien werden zu dominant als Distributions- und Transaktionskanal wahrgenommen. Aber neben mobilem Fahrkartenverkauf, Klingeltonvertrieb und mobile-optimierten Online-Shops gebe es vor allem dort Potential, wo „das Internet stärker als Kommunikations- und Serviceraum genutzt wird“, so der Zukunftsforscher.

Andreas Haderlein, Leiter der Zukunftsakademie am Kelkheimer Zukunftsinstitut.    

Der Lieblingskunde der Unternehmer sei aber immer noch derjenige, der brav über das Mobiltelefon seinen Onlinekauf abwickelt und sonst so ziemlich wunschlos ist. Auf lange Sicht ein wackeliges Geschäftsmodell: „Firmen bewegen sich in eine Sackgasse, wenn sie das Thema M-Commerce nur mit der gleichen Denke angehen wie ihren Online-Shop.“ Statt dessen seien Lösungsansätze gefragt, die sich am Bedürfnis der Kunden orientierten, so Haderlein. „Man muss den Kunden einen Mehrwert bieten: Es gibt viele Menschen, die das Handy im Sinne der Information nutzen. M-Commerce ist nicht nur Vertrieb, sondern längst auch Service.“ Diese Dienstleistungen müssen bezahlt werden. Das heißt fürs Geschäft: Guter Service gleich Umsatz.

Paradebeispiel hierfür sind die sogenannten Applications, kurz Apps. Das sind Zusatzprogramme für moderne Smartphones, wie das iPhone von Apple. „Der Vorteil von Apps ist, dass sie Verständnis liefern, sie machen das Netz übersichtlich“, sagt Haderlein. „Es sind sehr persönliche Programme. Jetzt beginnt der Computer richtig „personal“ zu werden. Apps sind die kleinen Helferlein des Alltags“.

Dass es für alles eine App gibt, verspricht zumindest Apple. Das Software-Unternehmen hat das Konzept und auch das Distributionsmodell entwickelt. Es sieht vor, dass jeder eine App entwickeln und über den iTunes Store vertreiben kann. Dafür wird Apple am Erfolg der Mini-Programme beteiligt. Ein Konzept, das sich auszahlt: Mittlerweile gibt es etwa 140.000 verschiedene Apps zu den unterschiedlichsten Themen: Software und Videospiele, Nachrichten und Bücher, Kochrezepte und Social Networking. Rund eine Milliarde Downloads verzeichnete der amerikanische Software-Riese bisher (Stand: Februar 2010). Und auch die Programmierer verdienen an den teilweise kostenpflichtigen Applikationen: Ethan Nicholas hat mit seinem Ego-Shooter Programm iShoot in nur wenigen Monaten 800.000 Dollar umgesetzt.

„Das Ausreizen der Application ist ganz entscheidend im M-Commerce“, sagt Haderlein. Dem Handel entgehe momentan, dass Kunden lokale Suchmaschinen nutzen, diese Einstellung sei fatal. Mittlerweile hat ein Viertel aller Suchanfragen bei Google lokalen Charakter. „Wir sind jetzt in ganz anderen Dimensionen. Das Stichwort heißt location based service.“ Solche standortbezogenen Dienste sind mobile Dienste, die den Nutzern Informationen über ihre Umgebung zur Verfügung stellen. Möglich ist das, weil Smartphones dank einer eingebauten Ortungsfunktion in der Regel genau wissen, wo der Nutzer sich befindet. So kann per Datenverbindung jede Applikation jederzeit den eigenen Standort mitteilen.

Einzelhändler können sich diese Funktion zunutze machen. „Ziel ist es, die Kunden an den POS, an den Point of Sale, zu führen. Das ist für mich das Spannendste“, sagt Haderlein und hat auch ein Beispiel parat: Ein junger Mann geht durch die Fußgängerzone. Er ist bei Facebook Fan von Nike und gehört bei Twitter zu den „Followers“ der Sportfirma. Auf Deutsch: Er mag die Marke. Er hat sich in die örtliche Umgebung eingeloggt und erhält über seine App die Information, dass ganz in der Nähe der nächste Nike-Shop ist. Der Shopbetreiber vor Ort erfährt in der gleichen Sekunde, dass jemand kommt, der stöbern könnte. Der Nike-Laden hat nun die Möglichkeit, dem jungen Mann ein Hier-und-Jetzt-Sonderangebot direkt auf sein Handy zu schicken. In den USA zeigen mobile Internet-Dienste, wie Gowalla und Foursquare, wie wahrscheinlich ein solches Szenario in absehbarer Zukunft ist.

„Das Tolle daran ist: Einzelhändler können so eine für sie qualitativ hochwertigere Zielgruppe erreichen. Und man weiß sofort, was die Aktionen bringen.“ Diese Art des M-Commerce geht weg vom klassischen Verständnis des mobilen Verkaufens. Außerdem spare diese Form Geld, da sie direkter und besser zu bewerten sei. Hier sieht der Experte gute Möglichkeiten für kreative Newcomer.

Die Einsatzmöglichkeiten für Twitter sind vielfältig. Der Biovollsortimenter „Whole Foods“ beispielsweise hat rund 1,7 Millionen Followers auf Twitter. Der amerikanische Bio-Laden nutzt das Handy als Unternehmenskommunikationskanal. Hier werden Beschwerden aufgenommen, es wird Kunden mit Fragen weitergeholfen, und es werden neue Produkte publik gemacht. Die deutsche Drogeriekette dm verfolgt mit ihrer Biokosmetik-Reihe „alverde“ ein ähnliches Konzept.

Kreative Möglichkeiten, Apps während des Einkaufs einzusetzen, gibt es ebenfalls. „Eine Möglichkeit, sie zu nutzen, sind mobile Preisvergleichslösungen“, sagt Haderlein. „So lassen sich beispielsweise Öko-Sozial-Daten herausfinden, die Food-Ampel überprüfen oder den günstigsten Preis für das Produkt finden.“ Ein Programm hierfür ist woabi – ein Akronym für „Woanders billiger“.

Und wer gar nicht mehr weiß, was er eigentlich kaufen wollte, weil der Einkaufszettel noch zuhause auf dem Tisch liegt, muss nicht mehr länger orientierungslos im Laden umherstreifen, um die Zutaten fürs Abendessen einzusammeln: Es gibt auch Jamie Olivers Kochbuch als App fürs Smartphone. Nutzer können sich dann, während sie einkaufen, die Zutatenliste für das gewünschte Rezept anzeigen lassen.

„Offline- und Online-Welt treten in Verbindung, die Apps dienen als Vehikel für Unternehmen, Kunden nicht nur in ihren Online-Store, sondern direkt zum POS zu locken“, sagt Haderlein. Ein schönes Beispiel hierfür sei die französische Einzelhandelskette „E. Leclerc“. Deren Kunden können ihren Einkauf online bestellen und in einer Art Drive-in fertig zusammengestellt und in Tüten verpackt abholen. Der Schweizer Handelsriese Migros hingegen setzt mit seinem Konzept leshop.ch auf eine iPhone Application, mit der der mobile Einkauf so einfach wie möglich gemacht werden soll. Sogar Frisch- und Tiefkühlprodukte werden in einer neuartigen Versandbox ausgeliefert.

Deutschland sieht der Zukunftsforscher allerdings noch nicht vorn dabei, wenn es um M-Commerce geht. „Die Apps kommen aus den USA, bei uns gibt es im Vergleich weniger innovative Start-ups.“ Nur das Handy-TV habe sich einigermaßen etabliert, seit LIGA total Live-Bilder von Bundesliga-Spielen auf mobile Endgeräte überträgt.

„Ich würde jedem Mittelständler raten, dass er auch seine mobilen Infos optimiert,“ so die Empfehlung des Zukunftsforschers. „Technologie ist ein Treiber. Eine eigene App muss nicht immer sein, aber wenn, dann sollte man sich folgende Fragen stellen: Wen will ich erreichen? Wofür ist meine App gut? Dient sie der Kundengewinnung, der Imagebildung, oder will man „einfach nur dabei sein“? Das muss jedes Unternehmen selbst entscheiden. Jedes Unternehmen muss schauen, was die mobile Nutzung von Medien und Netzwerken verändert bzw., wie Kunden über- und miteinander kommunizieren. Kunden sind heute teilweise besser informiert als der Verkäufer, wenn sie zum POS kommen. Am POS und in seiner Nähe wollen sie sich aber verführen lassen. Es fehlt noch ein letztes Fünkchen, um einen Kauf abzuschließen, und das will der Kunde vom Verkäufer.“

Zur Person: Andreas Haderlein leitet die Zukunftsakademie am Kelkheimer Zukunftsinstitut und ist Experte für Neue Medien, E-Commerce und Handel. Der studierte Soziologe beschäftigt sich bereits seit Ende der 90er Jahre mit Fragen zur veränderten Konsumentenrolle vor dem Hintergrund neuer Kommunikations- und Produktionstechnologien.


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