Strategie

Inkasso zahlt sich aus

Immer mehr Kunden in Deutschland zahlen ihre Rechnung nicht. Unternehmen mussten hierzulande zuletzt durchschnittlich 2,8 Prozent ihrer Forderungen abschreiben, ergab die EOS Zehn-Länder-Studie 2010 „Europäische Zahlungsgewohnheiten“.

Immer mehr Kunden in Deutschland zahlen ihre Rechnung nicht. Unternehmen mussten hierzulande zuletzt durchschnittlich 2,8 Prozent ihrer Forderungen abschreiben, ergab die EOS Zehn-Länder-Studie 2010 „Europäische Zahlungsgewohnheiten“. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Ausfälle dabei spürbar gestiegen: 2009 hatten die befragten Unternehmen noch angegeben, dass 2,1 Prozent der Rechnungen nicht bezahlt worden waren. Der Anteil der Zahlungsausfälle lag im Jahr 2010 übrigens bei Geschäftskunden (2,8 Prozent) und Privatkunden (2,6 Prozent) nahezu auf gleichem Niveau.

 

Grund genug, sich eingehender mit dem sogenannten Working Capital Management - also dem professionellen Verwalten von Beständen, Forderungen und Verbindlichkeiten - zu beschäftigen. Denn liquide zu sein wird für kleine und mittlere Unternehmen immer wichtiger: Der deutsche Mittelstand benötigt für die Zeit bis 2012 rund 60 Milliarden Euro zum Kauf von zusätzlichen Rohstoffen, Betriebsmitteln und Investitionsgütern. In ihrer Studie „Working Capital im Mittelstand“ kommen die Strategen des Münchner Consulting Unternehmens Roland Berger zu dem Schluss, dass die deutschen Mittelständler viele finanzielle Möglichkeiten ungenutzt lassen. Die Mittel, um die eigene Zahlungsfähigkeit zu sichern, liegen oft im Unternehmen selbst. „Die eigene Zahlungsfähigkeit wird nicht zuletzt vom Zahlungsverhalten der Kunden beeinflusst“, sagt der Geschäftsführer bei Creditreform, Carsten Uthoff.

Forderungsmanagement heißt hier das Schlüsselwort. So sollen unbezahlte Rechnungen so gering wie möglich gehalten werden, damit das Unternehmen jederzeit über seine finanziellen Mittel verfügen kann. „Die meisten Unternehmen haben ihr Liquiditätsmanagement in der Krise schon deutlich verbessert“, sagt ein Partner von Roland Berger, Roland Schwientek. Das zeigt sich darin, dass es weniger verspätete Zahlungen gibt. Sind 2007 noch fast 40 Prozent der Rechnungen verspätet beglichen worden, so sind es 2010 weniger als 20 Prozent. Carsten Uthoff sieht darin ein Zeichen für professionelleres Forderungsmanagement. Allerdings seien viele Unternehmen noch zu optimistisch, was die Einschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten angeht: Fast 90 Prozent der Studien-Teilnehmer glauben, ihr Forderungsmanagement habe sich in den vergangenen drei Jahren deutlich verbessert oder sei zumindest auf gleichem Niveau wie 2007. Die Analyse der Bilanzkennzahlen zeige, dass nur zwei Drittel der Mittelständler mit ihrer Einschätzung richtig liegen – das restliche Drittel hat sich sogar bedeutend verschlechtert. Ein Grund hierfür sei, dass das Forderungsmanagement immer zu einem relativ späten Zeitpunkt einsetze, sagen die Experten. Generell gelte: Je professioneller überfällige Forderungen bearbeitet werden, desto geringer ist die Ausfallwahrscheinlichkeit.

Diese Einschätzung bestätigt auch die Studie der Creditreform zu den Länder- und Exportrisiken in Europa für das Jahr 2010/11. Hier zählt Zahlungsausfall zum größten Geschäftsrisiko, wenn es um den Handel mit ausländischen Unternehmen geht. Deutsche Exporteure müssen sich vor allem auf unterschiedliche Gewohnheiten in den Staaten Mittel- und Osteuropas einstellen, besagt die Studie. Bei Lieferungen in diese Regionen meldet die überwiegende Mehrzahl der befragten Exportunternehmen den Zahlungseingang jenseits der in Deutschland üblichen 30-Tage-Frist. Nur jeder Dritte hat nach spätestens einem Monat sein Geld erhalten. Auch wer die Frist großzügiger ansetzt, muss damit rechnen, dass Kunden in osteuropäischen Ländern das vereinbarte Zahlungsziel meist verstreichen lassen. Überfälligkeiten von mehr als einem Monat sind auch dann keine Seltenheit: Etwa jeder fünfte Exporteur musste diese Erfahrung machen. Dabei steigt das Risiko eines Totalausfalls der Forderung mit jedem verstrichenen Tag.

Deutsche Unternehmen erkennen den Bedarf an professionellem Risiko- und Forderungsmanagement und vertrauen vor allem externen Dienstleistern. Die Branche erlebt einen Boom: Knapp 90 Prozent der deutschen Firmen arbeiten mit Spezialisten wie Anwaltskanzleien oder Mahn- und Inkassounternehmen zusammen, 2009 waren es nur 84 Prozent gewesen. Das ist EU-weit Spitze: Nur in Belgien nutzen mit 78 Prozent auch nur annähernd viele Unternehmen die Unterstützung externer Dienstleister.

Im internationalen Vergleich gehören die Deutschen übrigens immer noch zu den pünktlichsten Zahlern: 81,4 Prozent der Rechnungen an Privatkunden werden bei einem Zahlungsziel von durchschnittlich 20 Tagen pünktlich bezahlt. Am zuverlässigsten zahlen die ostdeutschen Endverbraucher (84,4 Prozent). Der Creditreform-Studie zufolge gehen in keinem anderen untersuchten Land mehr Rechnungen pünktlich ein.


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