Strategie

Inkasso so früh wie möglich einschalten

Bei weitem nicht jeder hartnäckige Schuldner ist ein Krimineller. Die meisten Verbraucher, die ihre Rechnungen nicht zahlen sind überschuldet, sagt der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen. In Deutschland haben mehr als drei Millionen Haushalte finanzielle Belastungen, die sie nicht mehr schultern können.

Wie Unternehmen dennoch zu ihrem Geld kommen können und warum Sie der Geburtstag ihrer Kunden interessieren sollte, erzählt im BusinessVALUE24-Interview der Inkasso-Manager Andreas Tafel. Seine Firma Apontas aus der Nähe von Lüneburg hat 150 Mitarbeiter und hilft seit mehr als 40 Jahren Firmen dabei, ihr Geld von säumigen Schuldnern zu bekommen.

BusinessVALUE24: Herr Tafel, warum zahlen Menschen ihre Rechnungen nicht?
Tafel:
Es gibt die Klassiker: Die Trennung vom Ehepartner oder Lebensgefährten, Arbeitslosigkeit und Krankheit. Das sind die drei Hauptgründe, warum Menschen von gesicherten Verhältnissen in ein ungesichertes Dasein rutschen. Da kann man schnell in Zahlungsschwierigkeiten kommen, wenn man kein allzu großes Polster hat. Das ist das eine. Das sind die Fälle, die eigentlich zahlen wollen, es aber nicht können. Es gibt aber auch andere, sozusagen Profi-Schuldner, die zahlen immer erst dann, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Die letzte Gruppe sind die echten Betrüger. Die findet man oft im Bereich Versandhandel: Das sind Leute, die wollen Ware haben, wissen auch, dass sie sich das nicht leisten können, und durch geschickte Betrügereien kriegen die es viel zu lange hin, Waren auch zu erhalten.

BusinessVALUE24: Welche Kunden vertreten Sie?
Tafel:
Wir bedienen alle Branchen, haben aber einen Schwerpunkt im Bereich Verkehrsbetriebe. Sowohl was die Abonnenten als auch die Schwarzfahrer angeht. Wir bedienen auch Banken, Versandhandel, Krankenkassen, Kindertagesstätten und Versicherungen. Wir lehnen keine Branche ab. Die Gesamtforderungsmenge sollte aber bei mindestens 500 offenen Rechnungen pro Jahr liegen.

BusinessVALUE24: Und wer zahlt am Ende? 
Tafel:
Wir bieten verschiedene Modelle an, das klassische ist folgendes: Es gibt eine Inkasso-Gebühr, die auf die Forderung aufgeschlagen wird. Nehmen wir einmal ein vereinfachtes fiktives Rechenbeispiel: Wir sollen eine Forderung in Höhe von 100 Euro eintreiben. Darauf schlagen wir die Inkasso-Gebühr auf - sagen wir 30 Euro. Diese Rechnung von 130 Euro muss der Schuldner zahlen. Das ist im Bürgerlichen Gesetzbuch so geregelt. Wenn Sie eine Rechnung nicht zahlen, schulden Sie dem Gläubiger auch die Kosten, die er hat, weil Sie nicht pünktlich zahlen. Nun muss also der Schuldner die 130 Euro bezahlen - und wenn es gut läuft, dann zahlt der Schuldner auch. Dann behalten wir unsere Gebühren ein und der Mandant erhält sein Geld.

BusinessVALUE24: Warum beauftragen dann nicht alle Unternehmen Inkasso-Dienstleister, wenn im Endeffekt der Schuldner dafür aufkommt? 
Tafel:
Zuerst einmal: Es zahlen nicht alle. Viele Schuldner sind umgezogen. Wir haben also Ermittlungskosten. Wenn ein Schuldner trotz Mahnung oder trotz Anruf nicht reagiert, dann muss ich ein gerichtliches Mahnverfahren einleiten, also einen Mahnbescheid beziehungsweise Vollstreckungsbescheid beantragen. Wenn er dann immer noch nicht zahlt, muss ich die Gerichte beauftragen und mit Kontopfändung oder Gerichtsvollzieher arbeiten. Das kostet alles Geld. Wir müssen das vorfinanzieren, wie bei jedem Inkasso, und wir bekommen es auch noch lange nicht zurück. Es kann 30 Jahre oder länger dauern.

BusinessVALUE24: Aber wenn der Schuldner zahlt, kriegt der Gläubiger doch sein ganzes Geld? Oder nicht?
Tafel: Wenn der Schuldner zahlt, behalten wir unsere Gebühr vom Schuldner ein und der Mandant bekommt seine Forderung – gegebenenfalls abzüglich einer vorher mit uns vereinbarten Erfolgsprämie. Diese Erfolgsprämie richtet sich immer nach der Art der Forderung, zum Beispiel wie lange es dauern kann, die Schulden einzufordern, ob wir voraussichtlich ein Mahnverfahren einleiten oder sogar einen Gerichtsvollzieher beauftragen müssen. Wenn der Schuldner bezahlt, ohne dass es zu einem Mahnverfahren kommt, dann ist die Prämie relativ gering. Wenn wir beispielsweise vorher eine 10-prozentige Erfolgsgebühr vereinbart hatten, kriegen wir, um im Rechenbeispiel zu bleiben: Die 30 Euro Inkasso-Gebühr vom Schuldner und noch 10 Euro Erfolgsprovision vom Mandanten. Der Mandant bekommt aber 90 Euro von seinen 100 Euro Ausständen.

BusinessVALUE24: Und wenn es sich in die Länge zieht?
Tafel: Dauert es länger und entstehen durch Mahnverfahren und durch das Bemühen von Gerichten höhere Kosten, dann ist unsere Provision entsprechend höher. Man kann aber sagen: Der Mandant hat überhaupt keine Kosten, solange wir keinen Erfolg haben. Wenn wir Erfolg haben, zahlt er nur die vereinbarte Provision, der Schuldner zahlt den Rest.

BusinessVALUE24: Zu welchem Zeitpunkt ist es sinnvoll, einen Forderungsmanager einzuschalten? Erst wenn Schuldner nicht bezahlt haben oder schon früher?
Tafel: Es ist möglich, dass wir präventiv schon etwas tun. Dazu gehört natürlich, dass man sich bereits bei Geschäftsanbahnung fragt, wer ist denn das, mit dem ich einen Vertrag abschließen möchte - da kommen wir also in den Bereich Bonitätsauskunft. Bei Privatpersonen sehr bekannt ist die Schufa-Auskunft, bei Geschäftskunden gibt es entsprechende Firmenauskünfte. So etwas bieten wir auch an. Da kann man schon im Vorfeld sehen, ob jemand viele negative Einträge hat und unser Kunde dann lieber sagt: "Nein, mit dem mach' ich keine Geschäfte".

BusinessVALUE24: Wenn aber das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?
Tafel: Dann sollte man ein Inkasso-Unternehmen so früh wie möglich einschalten, wenn eine fällige Rechnung offen ist. Denn eine Rechnung wird, je älter sie ist und je mehr Kosten sie produziert, immer höher. Die Hauptforderung bleibt immer gleich, aber Zinsen - vor allem bei höheren Forderungen, etwa bei einem 100.000 Euro Bankkredit – können natürlich rasant steigen. Bei Schwarzfahrerforderungen sind die Zinsen natürlich geringer. Was man aber sagen kann: Die Forderung wird mit der Zeit nicht geringer, sondern größer. Je älter sie wird, desto weniger kann oder will der Schuldner sich daran erinnern, warum unser Mandant Geld von ihm haben will. Oder er zieht im Laufe der Zeit öfter um, das erschwert auch die Suche nach ihm. Der Aufwand wird immer größer.

BusinessVALUE24: Haben Sie noch einen speziellen Tipp, um Ärger zu vermeiden?
Tafel: Man sollte bei Vertragsabschluss immer das Geburtsdatum abfragen. Wenn man nach einem Herrn Müller in einer großen Stadt sucht, ist das wie die Nadel im Heuhaufen. Wenn aber die Geburtsdaten vorhanden sind, lässt er sich schneller finden.

Link zum Unternehmen: Apontas Die Forderungsmanager


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