Crowdsourcing

Geld von der Crowd: Seedmatch ermöglicht Crowdfunding für Startups

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? - das fragen sich viele Startups. Denn: Genügend Geld für die Finanzierung aufzutreiben ist immer noch eine große Hürde auf dem Weg zum Jungunternehmer.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? - das fragen sich viele Startups. Denn: Genügend Geld für die Finanzierung aufzutreiben ist immer noch eine große Hürde auf dem Weg zum Jungunternehmer. Die neue Internetplattform Seedmatch hat auf diese Frage eine einfache Antwort gefunden: Beteilige die Crowd! BusinessVALUE24 sprach mit Seedmatch-Gründer Jens-Uwe Sauer über Mikroinvestment, Startups und die drei „F“: family, friends und fans.

BusinessVALUE24: Was ist die Grundidee von Seedmatch?
Jens-Uwe Sauer:
Es geht uns um die Frage, wie sich Startups finanzieren können. Wenn Sie nach Amerika schauen, gibt es beispielsweise Kickstarter.com, eine klassische Crowdfunding-Plattform, über die Kunst- und auch kleinere Businessprojekte finanziert werden. Uns war relativ schnell klar, dass dieses Modell der Finanzierung übertragen werden kann auf die Finanzierung von Startups.

BusinessVALUE24: Wie funktioniert das?
Sauer:
Man muss auf der einen Seite kleine Beteiligungen anbieten. Auf der anderen Seite braucht man eine Community, die in Startups investieren will. Wer das möchte, muss in der Regel einen Fonds nutzen, sonst gibt es keine Möglichkeiten. Da haben Sie aber keinen Einfluss darauf, in welche Unternehmen das Geld fließt. Bei Seedmatch ist es so, dass der Mikroinvestor sagen kann: Ich möchte in Startup „A“ 500 Euro investieren und in „B“ nichts, dafür in „C“ 1000 Euro. Auf diese Weise kann sich jeder sein eigenes Portfolio zusammenstellen.

BusinessVALUE24: Warum braucht Deutschland überhaupt eine zusätzliche Form der Startup-Finanzierung? Reichen Bankkredite und Venture Capital nicht aus?
Sauer:
In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Industriestaaten eine Lücke: Wir erfinden zwar viel, aber der Beteiligungskapitalmarkt ist nicht ganz so dynamisch wie in anderen Industriestaaten. Deshalb haben wir uns die Frage gestellt: Was muss man tun, um da ein bisschen mehr Kapital reinzubringen?

BusinessVALUE24: Woran liegt es, dass in Deutschland der Kapitalmarkt nicht so dynamisch ist?
Sauer:
Das hat mehrere Gründe. In Amerika gibt es zum Beispiel eine gewachsene Business Angel Kultur. Die unterstützen junge Unternehmen mit Geld, Kontakten und Know-how. In den USA gibt es pro Millionen Einwohner zwanzig Mal mehr Business Angels als in Deutschland. Das kann unter anderem am Steuerrecht liegen. Frankreich hat das ganze Thema durch steuerliche Anreize noch einmal aufgegriffen, England ebenso. Das haben wir nicht. Die Bundesregierung hat das Thema schon lange gesehen, aber es passiert dennoch nichts. Das sind die gewachsenen Gründe. Weitere Gründe können auch in der Mentalität liegen, dass man vielleicht auch Risiken scheut. Ich denke, es liegt auch daran, dass wir eine sehr passive Investmentkultur in Deutschland haben. Die Leute kriegen gern einen Tipp und investieren dann. Seedmatch bietet auch die Möglichkeit, sich intensiv mit seinen Investments auseinanderzusetzen. Das ist eine andere Herangehensweise. Wir haben auch eine Klientel, die sich genau anschaut, wo sie investieren und nur dort investieren, wo es ein spannendes Produkt oder eine Innovation gibt, die sie auch fördern wollen.

BusinessVALUE24: Sie sprechen gerade Ihre Klientel an. Wer wird denn überhaupt Mikroinvestor?
Sauer:
Es sind meist männliche Personen - nur 15 Prozent sind Frauen sind - im Alter zwischen 25 und 45 Jahren, die sich für wirtschaftliche Themen interessieren. Es sind auch Innovatoren, die sich für technische Themen und neue Produkte interessieren. Der Mikroinvestor ist also jemand, der ein Produkt smart findet und das einfach unterstützen will, weil er es selbst vielleicht konsumieren wird. Ein Projekt, mit dem wir starten werden, ist eine Mobile Applikation, die zunächst auf iPhone und iPad läuft. Das ist ein völlig neues Produkt und die Menschen, die es lieben, werden sich überlegen, ob sie in das Unternehmen investieren.

Das Seedmatch-Prinzip: Mikroinvestoren unterstützen die Startups mit mindestens 250 Euro. Dafür erhalten sie Rendite.

BusinessVALUE24: Wieso haben Sie sich überhaupt auf Startups konzentriert?
Sauer:
Ich habe den Hintergrund als Gründungsberater. Unternehmen, später im Markt, haben ganz andere Möglichkeiten, eine Finanzierung zu bekommen als Startups. Wenn eine Bilanz vorliegt, kann man auf eine Bank zugehen. Wenn man viele Umsätze hat, ist man für Kapitalgeber interessant. Der Engpass liegt wirklich bei den Startups, wo man aus der Ideenphase kommt und das Produkt vielleicht noch nicht fertig ist, aber der Erfinder Kapital braucht, um das Produkt zu entwickeln oder um ein Patent anzumelden. Man kann dann nicht zur Bank gehen, man muss die drei „Fs“ überzeugen. Das stand bislang für family, friends und fools, die man fragte, ob sie einen unterstützen. Das sind im Übrigen auch die Wege, die gut funktionieren. Wir machen aus den drei „Fs“: family, friends und fans. Wir streichen also die fools und ersetzen sie durch die Fans eines Produktes.

BusinessVALUE24: Welchen Vorteil hat das Konzept für die Investoren und welchen für die Startups?
Sauer:
Die Investoren haben die Möglichkeit in junge Unternehmen mit Produktinnovationen zu investieren. Diese Möglichkeit gab es bislang noch nicht im Markt. Sie können Teil der Story werden. Sie können das Projekt von Anfang an begleiten. Es funktioniert nur mit Projekten, die man mag. Es braucht, denke ich, eine enge Beziehung. Langfristig kann der Mikroinvestor von dem Erfolg des Startups profitieren. Wenn das Startup schnell wächst und schnell einen großen Wert bekommt, dann profitiert auch der Mikroinvestor von diesem Wertzuwachs.

BusinessVALUE24: Das heißt, er partizipiert auch finanziell daran. Der Investor kriegt also auch wieder Geld zurück.
Sauer:
Absolut. Das ist eben auch der Unterschied zu bestehenden Crowdfunding Plattformen in Deutschland, dass wir hier nicht kleine Gimmicks rausreichen, sondern bei uns erhält der Investor immer eine kleine Beteiligung am Unternehmen. Das heißt, er partizipiert damit an den Gewinnausschüttungen. Das ist zwar in den ersten zwei bis drei Jahren weniger zu erwarten, da meist die Gewinne wieder reinvestiert werden. Aber ab dem dritten oder vierten Jahr schon. Wenn der Investor am Ende seine Beteiligung aufgibt, dann profitiert er vom Wachstum: Er bekommt entsprechend seinem Anteil am gestiegenen Unternehmenswert seinen Exit-Erlös.

BusinessVALUE24: Damit haben wir den Vorteil für die Investoren geklärt. Wo liegt der Gewinn für Startups?
Sauer:
Bei Startups geht es immer darum, woher das Geld kommt. Ein guter Business Angel beispielsweise hat Kontakte in der jeweiligen Branche und kann als Türöffner dienen. Das haben wir nicht. Wir ergänzen auch eher den Business Angel. Wir stellen Kapital durch die Crowd bereit. Die Crowd, die ein Produkt hochhält, empfiehlt und vielleicht auch selbst konsumiert, dient gleichzeitig als Multiplikator. Das ist gerade in der Startphase sehr wichtig, dass ein Projekt viel Aufmerksamkeit bekommt und durch eine große Userbase von innen heraus wachsen kann.

BusinessVALUE24: An welche Branchen richtet sich Seedmatch?
Sauer:
Wir schauen uns momentan mit Vorliebe Startups an, die sich in B2C-Märkten bewegen. Momentan interessieren uns vor allem Internet- und Mobile-Projekte, also alles rund um die Internet und Kommunikationstechnologie. Langfristig wollen wir auch in den Bereich der erneuerbaren Energien vorstoßen und Cleantech, also Technologien, die unsere Umwelt sauberer machen. Es kommen auch viele Anfragen von Social Businesses. Im Moment ist es uns wichtig, dass der Kapitalbedarf bei maximal 100.000 Euro liegt. Langfristig soll die Zahl ein bisschen größer werden. Eine wichtige Voraussetzung sollen die Startups allerdings mitbringen: Es muss ein Produkt sein, das die Crowd begeistern kann.

BusinessVAUE24: Wie funktioniert der gesamte Vorgang eigentlich? Also angefangen mit: Ein Startup bewirbt sich bei Seedmatch bis zu dem Zeitpunkt ,wo das junge Unternehmen anfangen kann, Geld zu sammeln.
Sauer:
Das Startup, das auf uns aufmerksam wird, bewirbt sich bei uns mit einer kurzen Präsentation oder mit einer Zusammenfassung des Businessplans. Wir prüfen dann erst einmal, ob das Produkt zu Seedmatch passt, ob es ein entsprechendes skalierbares Geschäftsmodell gibt, ob es ein Produkt mit hohem Kundennutzen ist und ob es die Crowd begeistern kann. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, fordern wir von dem Team einen Businessplan an. Im nächsten Step laden wir die Jungunternehmer ein und besprechen offene Fragen und Strategien. Dann treffen wir die Entscheidung mit unserem Team und unserem Beirat.

BusinessVALUE24: Sie treffen also die Vorauswahl. Was passiert, wenn die Projekte auf seedmatch.de veröffentlicht werden?
Sauer:
Es gibt zunächst einen Business-Plan, mit dem sich das Startup vorstellt und einen Film, in dem sich das dazugehörige Team präsentiert, um die Köpfe hinter dem Unternehmen zu zeigen. Darüber hinaus präsentieren wir einige Kennzahlen. Die Crowd kann dann online verfolgen, wie viele Mikroinvestoren bereits in ein Projekt investiert haben und wie viel Kapital schon zusammengekommen ist.

BusinessVALUE24: Ein Businessplan ist für ein Unternehmen ein sehr intimes Dokument. Ist es nicht problematisch, wenn die Gründer ihre Ideen so früh vorstellen und für jeden einsehbar zeigen, was sie zu bieten haben?
Sauer:
Der beste Weg ist natürlich, wenn man kein externes Kapital benötigt. Wenn man sich etwa aus selbst gespartem Geld finanzieren kann. In dem Moment, in dem man externes Kapital benötigt, muss man auf Investoren zugehen – und das passiert immer mit einem Businessplan. Da haben Sie nie die Sicherheit, was mit den Businessplänen passiert, weil die immer weitergereicht werden. Wir wollen dem begegnen, indem wir über Seedmatch versuchen, ein Projekt innerhalb von 60 Tagen zu finanzieren. Ich glaube nicht, dass es einem Projekt schadet, wenn man offen darüber spricht. Im Gegenteil: Man kann viel leichter Unterstützer finden. Diese Ängste, es könne kopiert werden, tauchen immer auf. Aber davor ist man nie gefeit. Selbst nach dem Launch eines Produktes kann ein anderes Team immer noch auf den Markt gehen und sagen: Wir machen das viel besser und schneller mit einem größeren Team und mehr Kapital. Die Sorge ist natürlich da. Aber ich glaube auch, dass diese Angst ein wenig überbewertet ist.

BusinessVALUE24: Vielen Dank für das Gespräch.


Mit Seedmatch will Plattform-Gründer Jens-Uwe Sauer Startups eine bessere finanzielle Ausgangsposition bieten. Er kennt das Problem: Der Gründungsberater ist vor wenigen Jahren mit einem Projekt an seine Grenzen gestoßen. Trotz Patentschutz und guter Idee war es ihm nicht gelungen, genügend Risikokapital einzusammeln. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Finanzierung ist er auf Crowdfunding gestoßen. Schnell wurde ihm klar, dass die Crowd der Schlüssel sein kann.


Foto und Grafik: Seedmatch


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