Die Saubermacher
Sie seilen sich von Brücken, arbeiten meist nachts und wollen nur eins: Saubermachen. Streetbrander befreien Brückenpfeiler, Straßen und Hauswände stellenweise von Schmutz und hinterlassen Logos, indem sie reinigen. Es ist wie ein Negativ-Abzug eines Graffitos. Die ungewöhnlichen Werber hinterlassen also keine Schmiererei im klassischen Sinne, bringen aber dennoch manchen braven Bürger auf die Barrikaden.
Graffiti ohne Farbe
Streetbranding ist eine Form des Graffiti. Gemalt wird allerdings ohne Spraydosen. Das Ganze funktioniert ähnlich wie wenn man mit dem Finger eine Nachricht auf eine dreckige Autoscheibe schreibt. Der Schmutz verschwindet und auf der gesäuberten Fläche bleibt die Botschaft zurück. Statt des Fingers kommen beim Streetbranding allerdings Hochdruckreiniger oder Sandstrahler zum Einsatz. „Wir nehmen eine Schablone, beispielsweise mit dem Logo eines Unternehmens, legen sie auf den Boden oder auf die Wand“, erklärt Streetbanding-Profi Oliver Bienkowski den Ablauf. „Dann nehmen wir an den Stellen, an denen wir das Logo aus der Schablone ausgestanzt haben, den Dreck weg.“ Im Kontrast zwischen dem dreckigen Untergrund und dem gesäuberten Stellen entsteht das Bild.
Mit Hochdruckreiniger und Schablone: Streetbrander hinterlassen saubere Logos.
Beim Streetbranding wird der öffentliche Raum zur Werbetafel. „Das Schöne daran ist, dass wir überall da werben können, wo normale klassische Werbung versagt oder gar nicht hinkommt“, sagt der Streetbrander. „Wir haben schon Logos von Banken vor EC-Kartenautomaten ihrer Konkurrenz-Unternehmen hingepustet. Wir können überall da hinkommen, wo normale Werbung nicht hinkommt.“ Außerdem sei es extrem schnell umsetzbar. „In kürzester Zeit können wir alle Hauptstädte Europas mit Claims, Text oder Werbebotschaften überziehen. Deshalb ist es für die Werbebranche interessant“, sagt Bienkowski.
Von der Kunstform zur Werbestrategie
Entwickelt hat sich Streetbranding aus der sogenannten Pollution-Art. „Pollution heißt Verschmutzung“, erklärt der 29-Jährige. „Die Künstler wollten so darauf aufmerksam machen, wie dreckig die Städte sind.“ Vor drei Jahren hat Bienkowski diese Kunstform für sich entdeckt und nutzt sie seitdem für seine Guerilla-Werbung. „Ich habe das in einem Arte-Beitrag gesehen. Daraufhin haben einige meiner Freunde und ich das längste Streetbranding der Welt gemacht, indem wir einen 500 Meter langen Bereich mit 283 Kleeblättern besprüht haben.“ Damit habe alles angefangen. Mittlerweile sind 16 Teams europaweit für ihn im Einsatz.
Der Branding-Effekt hält zwischen sechs Wochen und sechs Monaten. Brückenpfeiler und Straßendecken werden nicht dauerhaft beschädigt, deshalb wird Streetbranding meist geduldet. „In Deutschland darf man im öffentlichen Raum reinigen was man möchte“, erklärt Bienkowski. „Sie können sich mit einem Putzlappen an eine Bushaltestelle setzen und diese von Kaugummis befreien. Solange Sie nur reinigen – so ist die Meinung mehrerer Anwälte, die uns vertreten – verstoßen sie nicht gegen den Grafitti-Paragraphen.“ Trotzdem bleibt es eine rechtliche Grauzone und nicht alle freuen sich über die partiell gereinigten Flächen. Eine Branding-Aktion im westfälischen Münster empörte Stadt und Bürger. Die Stadt stellte einen Strafantrag wegen Sachbeschädigung, zog ihn allerdings wieder zurück. Den erfahrenen Streetbrander überraschte die heftige Reaktion wenig. „Wir haben die Logos mitten auf eine Brücke gesetzt, sozusagen mitten auf den Stolz Münsters“, sagt Bienkowski. Die Brücke hat das Streetbranding-Team daraufhin professionell gesäubert. Danach war kein Logo mehr zu entdecken. „Jetzt haben wir schon Anfragen erhalten, ob wir nicht andere Bauwerke in der Stadt so reinigen können.“
Streetbranding-Aktion für ein lokales Telefonbuch.
Mutige Saubermänner
Auch das Saubermachen ist eine Kunst. Es braucht mehr als Wasser und Seife, um eine Wand von Ruß oder Flechten zu befreien. „Man denkt sich immer, das ginge mit jeder Wald- und Wiesenausrüstung“, sagt Bienkowski. „Aber wir haben spezielle Heißdruckgeräte, Wassertanks und entsprechende Mittel, die den letzten Dreck vom Belag reißen. Wir haben auch Vorsprühmittel, die wir selbst zusammenmischen. Man braucht auch eine Menge Erfahrung, um eine gute Leistung zu erzielen.“
Erfahrung hat Bienkowski in den letzten Jahren reichlich sammeln können. Für viele namhafte Firmen hat er Logos und Schriftzüge auf die Straße gebracht. Aber um ein guter Streetbrander zu werden brauche man auch „einen Blick für die richtigen Ecken“, sagt der 29-Jährige. Und Mut: „Wenn man es richtig machen möchte, ist es auch gefährlich. Wir seilen uns manchmal von Brücken ab, um an die Pfeiler etwas ranzupusten. Das macht schon Spaß.“
Ein Nachteil hat das Streebranding: Nachts ist die Werbung meist nicht mehr zu sehen. Doch hier kommt Bienowskis zweite Passion zum Einsatz – Licht. Wenn es dunkel wird, setzt er häufig Lichtprojektionen ein. „Wir nennen das Guerilla-Lichtplakate“, sagt der Werbeprofi. „Wir beamen in den Abendstunden das Logo des Kunden an andere Gebäude, animiert oder nicht animiert - und am Tag ist das Streetbranding zu sehen.“
Gibt es auch in bunt: Bei farbigen Streetbrandings wird mit Kreide gearbeitet. Auch diese Bilder verblassen nach wenigen Wochen.
Weitere Infos unter www.guerillamarketing24.de
Fotos: Streetbranding.net



