Crowdsourcing

Crowdsourcing: Viele Köche und ein Einheitsbrei?

Was haben Schokolade, Duschgel und Autos gemeinsam? Bei all diesen Produkten haben sich in jüngster Zeit Tausende Internetnutzer zusammengetan und neue Geschmacksrichtungen, Düfte und technische Leistungen mitentwickelt.

Und das kann man jetzt oder in naher Zukunft kaufen: als Ritter-Sport Schokolade „Cookies & Cream“, als Duschgel der dm-Eigenmarke und als Kleinwagen Fiat 500. Wenn Kunden plötzlich zu Designern und Produktentwicklern werden, gibt es ein Wort dafür: Crowdsourcing.

Fischen in sozialen Netzwerken

Crowdsourcing ist ein junges Phänomen, das eng mit der Entwicklung des sogenannten Mitmachnetzes Web 2.0 verknüpft ist. Der Begriff wurde geprägt von dem Amerikaner Jeff Howe, der vor fünf Jahren zum ersten Mal im Magazin „Wired“ über den Zusammenhang von Crowds, also Menschenmengen und Outsourcing schrieb. Howe definierte Crowdsourcing als Auslagern von Unternehmensaufgaben auf die Arbeitskraft und die Intelligenz, die eine große Masse Freizeitarbeiter im Internet zur Verfügung stellt.

Über soziale Netzwerke oder spezielle Crowdsourcing-Plattformen finden Unternehmen und motivierte Kunden zusammen. Vor allem dank Social Media lassen sich viele Menschen erreichen: Rund 40 Millionen Deutsche sind mittlerweile bei Facebook, StudiVZ und Co. angemeldet. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Gemeinde um ein Drittel. Bei den Internetnutzern unter 30 Jahren sind sogar 96 Prozent Mitglied einer Social Community. Diese Vernetzung birgt großes Potenzial. Sie ermöglicht es Unternehmen, schnell und unkompliziert mit ihren Kunden ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören und sie - letztendlich - zum Teil der Wertschöpfungskette zu machen.

Kunden werden Teil der Wertschöpfung

Crowdsourcing arbeitet mit einem Mechanismus, der„Wisdom of Crowds“ oder zu deutsch „Schwarmintelligenz“ heißt. Ähnlich wie Fische und Vögel in einem Schwarm scheinbar zu einem größeren Individuum verschmelzen, das intelligent auf sein Umfeld reagiert, verhält es sich auch beim Menschen: Die Lösung, die eine Gruppe gemeinsam für ein Problem findet, ist meist besser als das Resultat von Einzelkämpfern. In seinem Buch „Die Weisheit der Vielen – Warum Gruppen klüger sind als Einzelne“ hat der US-Autor James Surowiecki viele Beispiele zusammentragen, die diese Theorie stützen.

Unternehmen können Schwarmintelligenz nutzen.Unternehmen können Schwarmintelligenz nutzen. Foto: © takaji - fotolia.com

Unternehmen können beim Crowdsourcing die Vorteile der Schwarmintelligenz für sich nutzen, um bei der Produktentwicklung Kosten zu sparen, neue Ideen zu finden, die Wünsche der eigenen Zielgruppe besser kennenzulernen, die Markentreue zu erhöhen oder Kunden zu begeistern.

Helfer belohnen

Die Wege zum Crowdsourcing sind vielfältig: Über offene Ideenwettbewerbe können User konkrete Fragen des Unternehmens beantworten. Welche Idee am Ende die beste ist, entscheiden dann entweder die Community oder das Unternehmen selbst. Eine andere Möglichkeit bieten sogenannte virtuelle Microjobs, bei denen Unternehmen einzelne Aufgabe „anbieten“, die von der Community erledigt werden können. Auf virtuellen Marktplätzen wie Clickworker oder Mechanical Turk finden arbeitswillige User und Firmen zueinander. Bei solchen Microjobs legen Unternehmen in der Regel vorher fest, wie sie die Arbeit entlohnen. Auch im kreativen Bereich lässt sich Crowdsourcing häufig sinnvoll einsetzen. Logos oder Grafiken sind eine gute Gelegenheit, um die Fantasie der Crowd „anzuzapfen“. Aus den besten Ergebnissen eines Designwettbewerbs können die User am Ende wiederum ihren Favoriten wählen.

Daneben gibt es noch weitere Spielarten von Crowdsourcing mit klangvollen Namen wie Mass Customization, Open Innovation oder Crowdfunding. Bei Mass Customization vereinen sich die Vorteile von Massenproduktion mit denen von Einzelanfertigung. Ein gern zitiertes Beispiel ist „MyMuesli“, ein deutsches Start-up Unternehmen. Kunden können aus einer Vielzahl von Zutaten - von einfachen Haferflocken bis hin zu Gummibärchen - genau die auswählen, die sie am liebsten in ihrem Müsli essen möchten. Open Innovation arbeitet anders: Hier suchen Unternehmen mit der Internetgemeinde nach starken Ideen, Einsparpotenzialen in der Produktion oder Lösungen für komplizierte Probleme. So können Organisationen auf einen riesigen Wissenspool zugreifen. Wieder ein anderes Ziel verfolgt Crowdfunding. Das Wort setzt sich zusammen aus Crowd und Funding, also Finanzierung oder Mittelbeschaffung. Damit ist das Konzept auch schon auf den Punkt gebracht: Beim Crowdfunding geben viele Menschen (meist kleinere) Geldbeträge, um ein Projekt zu unterstützen. Meist sind es künstlerische oder soziale Vorhaben, die auf Plattformen wie SellaBand oder Betterplace gefördert werden.

Angst um Arbeitsplätze

Trotz der vielen Vorteile ist Crowdsourcing nicht unumstritten. Kritiker befürchten Arbeitsplatzvernichtung. Sie bemängeln aber auch, dass die Arbeit der User nicht angemessen entlohnt werde und Kunden ausgebeutet würden. Auch die Frage, wem die Urheberrechte der entwickelten Produkte gehören oder wer bei Markenrechtsverletzungen verantwortlich ist, ist häufig strittig. Crowdsourcing eignet sich darüber hinaus nicht für jede Aufgabenstellung. Einem Projekt geht eine intensive Planungsphase voraus, die klären muss, ob die Einbeziehung der User im speziellen Fall sinnvoll ist, Es muss ein Konzept geben, was das Ziel ist und wie die Crowd in die Wertschöpfung einbezogen werden soll. Das funktioniert nur mit qualifizierten Mitarbeitern. Da sind noch zwei ganz generelle Kritikpunkt: Geben Unternehmen nicht die Fäden aus der Hand? Und: Kommt bei vielen Köchen nicht ein Einheitsbrei heraus?

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